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Konfliktanalysen als Grundlage für die Entwicklung von umweltgerechten Managementstrategien in Erholungsgebieten

Volltext

Beschreibung

Ausgangspunkt der Untersuchung über Konfliktpotenziale und Soziale Tragfähigkeitsgrenzen von Erholungsgebieten sind quantitative und qualitative Nutzungsänderungen im Bereich der naturbezogenen Freizeit und Erholung. Ein Gewinn über die Jahrzehnte an freier Zeit, flexible Arbeitszeitmodelle und ein neues Selbstverständnis hedonistischer Lebensführung in einem kommerzialisierten Umfeld aus freizeitorientierten Waren und Dienstleistungen führten zu einem Freizeitverständnis, über das sich heute eine Vielzahl an Lebensgefühlen, Freizeitstilen und Möglichkeiten der individuellen Selbstentfaltung definiert. Die Bedeutung von Natur und Landschaft als Orte der Erholung hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. Aufgrund eines begrenzten Landschaftsangebotes und infolge unterschiedlich strukturierter Raumausstattungen und Zielvorgaben stehen Erholungssuchenden nur eingeschränkt Erholungsräume zur Verfügung. Die fortschreitende Zunahme und Ausdifferenzierung von Natursportaktivitäten und Aktiven führt insbesondere in attraktiven sowie nahe bei urbanen Zentren gelegenen Landschaftsräumen zu Belastungen für Mensch und Umwelt. Ökologische Belastungen der Erholungsnutzung werden seit über 30 Jahren im deutschsprachigen Raum untersucht. Soziale Belastungen durch sich unterscheidende Nutzungsinteressen sind in ihrer wissenschaftlichen und planerischen Berücksichtigung dagegen unterrepräsentiert. Im Zuge einer nachhaltigen Erholungsraumplanung werden immer häufiger Verträglichkeitsgrenzen für Freizeitnutzungen gefordert, die als Orientierungshilfen für Lenkungskonzepte dienen und die Prinzipien der Umwelt- und Sozialverträglichkeit neu überdenken.

Da ein Analyseschema für Nutzungskonflikte im Bereich der Erholungsplanung fehlt, ist das Ziel dieser Arbeit zwei Modelle anzuwenden, mit denen Konfliktpotenziale der Erholungsnutzung untersucht und Lösungsansätze für das Konfliktmanagement abgeleitet werden können. Die Analyse von Konfliktursachen, ihren Einflüssen und Wirkungen sind dabei von zentralem Interesse. Bei den Modellen handelt es sich zum einen um ein Konfliktanalysemodell aus den USA von JACOB und SCHREYER (1980), welches bisher nicht im deutschsprachigen Raum angewendet wurde. Es basiert auf sozialpsychologischen Konstrukten zur Beschreibung des Freizeitverhaltens von Erholungssuchenden, um Konfliktsensibilitäten spezifisch zu erklären. Das Modell wurde im Laufe der Untersuchung weiterentwickelt, seine Übertragbarkeit getestet und sein Nutzen für die Erholungsplanung in einem deutschen Erholungskontext überprüft. Darauf aufbauend wurde zum anderen das Modell der Sozialen Tragfähigkeit von MANNING (1999) eingesetzt und simuliert, womit Empfehlungen für das Konfliktmanagement abgeleitet sowie Chancen und Grenzen seiner Verwendung aufgezeigt werden konnten.

Die Untersuchung orientiert sich an vier theoretischen Konstrukten, mit denen sich die Beziehungen und Konsequenzen der Erholungsraumnutzung ordnen lassen. Mit einem (1) modellhaften Erholungssystem werden zunächst die Wirkungsmechanismen zwischen Landschaft, Management und sozialen Attributen der Erholungsnutzung dargestellt. Jede Form der Nutzung hat Auswirkungen auf das gesamte System und kann die Art eines Erholungserlebnisses verändern. Inwiefern solche Veränderungen bei einem Erholungsaufenthalt störend wirken, lässt sich mit Hilfe (2) der Erholungskonflikttheorie systematisieren. Dieser Erklärungsansatz für Nutzungskonflikte beschreibt Entstehungsgründe für Konfliktsituationen und Verhaltensweisen von Erholungssuchenden. Die Qualität eines Erholungserlebnisses wird bewertet und in Beziehung zu den vier Konfliktfaktoren „Ressourcenbindung", „Aktivitätsbindung", „Erfahrungen" und „Toleranz" gesetzt, welche die Verbindung einer Einzelperson zu einem Erholungssystem und zur Freizeitaktivität beschreiben. Dieses theoretische Modell wurde im Laufe der Untersuchung weiterentwickelt: Der Erholungsaufenthalt wurde in ein Prä-, Ist- und Post-Erlebnis unterteilt und die vier potenziell beeinflussenden Konfliktfaktoren um den Faktor „Erwartungen" sowie um vier Motivgruppen unterschiedlicher Erholungsorientierungen ergänzt. Zusammen kennzeichnen die Faktoren und Motivgruppen die „soziale Welt" eines Erholungssuchenden (Prä-Erlebnis), welche die individuelle Konfliktsensibilität während eines Aufenthaltes beeinflusst. Potenzielle Störungen eines Erholungssystems werden in einer Post-Erlebnisphase von Erholungssuchenden evaluiert und die Konfliktfolgen untersucht. Das neue Analysemodell dient als theoretische Grundlage der Untersuchung und seine Übertragbarkeit wird anhand von drei hypothetischen Annahmen getestet. (3) Im Rahmen der Sozialen Tragfähigkeitsbestimmung werden die festgestellten Konfliktpotenziale mit Hilfe von Indikatoren und Standards konkretisiert und die Vorgehensweise einer zonenorientierten Erholungsplanung simuliert. Soziale Konfliktpotenziale (crowding) und Zufriedenheitsmessungen der Befragten werden in Anlehnung an amerikanische Tragfähigkeitsstudien als Orientierung für die Bestimmung von Belastungsgrenzen genutzt. Eingebettet sind die theoretischen Modelle (4) in motivationspsychologische Grundlagen des Erholens. Dabei werden die Motive, Einstellungen und Verhaltensweisen vor dem Hintergrund des sozialen Wandels erläutert und eine akteursspezifische Bewertung ermöglicht.

Zur Operationalisierung der Modelle, wurde der Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord als Untersuchungsraum gewählt. Aufgrund seiner primären Erholungsfunktion, der diversen Erholungs- und Nutzungsansprüche und andauernder Planungsaktivitäten ist er für die Konfliktstudie gut geeignet. Methodisch wurde ein triangulatives Forschungsdesign verwandt, bei dem quantitative und qualitative Verfahren zum Einsatz kamen.

Ein quantitativ-empirischer Teil diente der Erstellung eines „Sozialen Profils", in dem exemplarisch die Verschiedenartigkeit der Aktivitätsansprüche und Konfliktpotenziale des Naturparks erfasst werden. Hierfür wurden im Zeitraum Juli bis November 2003 825 organisierte Erholungssuchende aus 200 Vereinen mittels eines Fragebogens befragt und ihre Daten mit einer explorativen Pfadanalyse ausgewertet. Untersucht wurden die Aktivitäten Wandern, Radfahren und Reiten als traditionelle Erholungsformen sowie Joggen/Walken, Mountainbiken und Gleitschirm/Drachenfliegen als neuere Trends. In einem zweiten qualitativen Schritt wurden im Anschluss die Ergebnisse mithilfe von acht Interviews aus dem Bereich Natursport von Experten validiert und interpretiert, während konfliktreduzierende Maßnahmen der Sozialen Tragfähigkeitsbestimmung mit acht weiteren Planungsakteuren erörtert wurden. Dabei zeigte sich, dass sich die Befragungskollektive der sechs Natursportdisziplinen sowohl in ihren soziodemografischen Strukturen als auch in der Aktivitätsausübung und Aufenthaltscharakteristik zum Teil grundlegend unterscheiden; Gleiches gilt für ihre Einbindung in die regionale Erholungsplanung. Alle Befragten haben die Gemeinsamkeit, dass sie erfahren im Umgang mit ihrer Aktivität sind, sich überwiegend im Naherholungsbereich bewegen und den Aufenthalt in der Natur nutzen, um ihr persönliches Wohlbefinden zu steigern. Hinsichtlich der abgefragten Konfliktpotenziale aus den Bereichen „Erholungseinrichtung", „Waldbewirtschaftung" und „andere Besucher" zeigten sich Antwortmuster, die Störungen durch die Wegegestaltung, Infrastrukturausstattung, Landschaftsästhetik, Hunde und Mountainbiker erkennen und auf Managementdefizite schließen lassen. Innerhalb der Störbereiche kristallisieren sich konfliktanfälligere und -tolerantere Gruppen heraus. Während die Wegequalität noch von allen Kollektiven bemängelt und ein genereller Konflikt zwischen der Sozial- und der Nutzfunktion eines Landschaftsraumes deutlich wird, reagieren Mountainbiker und Reiter auf ästhetische Störungen der Landschaft bzw. des Waldbildes. Diese verkörpern eine grundlegende Einstellung hinsichtlich eines Landschaftsbildes, welches nicht den gesellschaftlichen Vorstellungen von Natur und Natürlichkeit entspricht und das doch gesucht wird. Darüber hinaus zeigen sich asymmetrische Konfliktlinien zwischen Reitern, Wanderern und Mountainbikern, deren Ursachen sowohl in einer physischen Gefährdung als auch in differenten Werteeinstellungen und den damit verbundenen Motiven begründet sind. Im Rahmen der Konfliktanalyse konnten daraufhin Unterschiede zwischen den beeinflussenden Faktoren und Motivgruppen bei den Befragungskollektiven festgestellt werden. Während die Verbindung zur Landschaft insbesondere die Konfliktempfindungen natur-orientierter Gruppen wie Wanderer und Reiter signifikant beeinflusst, werden die mechanisierten/technisierten Kollektive hauptsächlich von ihrer Verbindung zur Aktivität geprägt.

Neben den Faktoren „Ressourcenbindung" und „Aktivitätsbindung" wirken auch die Faktoren „Erfahrungen" und „Erwartungen" auf die Konfliktempfindungen der Kollektive ein. So ist die lange Vereinserfahrung und Pflege der Infrastruktur im Schwarzwald entscheidend für die Konfliktanfälligkeit der Wanderer, während insbesondere die Gleitschirm-/Drachenflieger mit wenigen Erfahrungen besonders sensibel auf anderer Erholungssuchende reagieren. Eine ausgeprägte Erwartungshaltung bei Mountainbikern erweist sich für ihre Konfliktsensibilität als bedeutend. Unabhängig von den Natursportgruppen übt Entdecken/Genießen als einzige der vier abgefragten Motivgruppen einen positiven Einfluss auf ihre Konfliktempfindungen aus. Auch dass Konflikte die Reaktionen und Managementpräferenzen signifikant beeinflussen, findet Unterstützung in den Ergebnissen: Managementstrategien werden zumeist durch infrastrukturelle Störungen bewirkt, Reaktionen dagegen durch soziale Konflikte. Soziale Konflikte sind letztlich die Störungen, die den größten Einfluss auf Nutzungsänderungen ausüben. Insgesamt konnten mit dem Analysemodell vier der sechs untersuchten Natursportgruppen in ihren Konfliktempfindungen und den jeweiligen Einflüssen der Faktoren und Motivgruppen beschrieben werden. Bei den Radfahrern und Joggern/Walkern sind hingegen kaum Zusammenhänge zwischen den Variablen zu erkennen, so dass diese beiden Kollektive nur unzureichend durch das Modell erfasst werden konnten. Die Ergebnisse konnten mithilfe der Experteninterviews erläutert und die Zusammenhänge interpretiert werden.

In Rahmen der simulierten Sozialen Tragfähigkeitsbestimmung erwiesen sich die in den USA gängigsten Indikatoren, (1) crowding als zentrales Kriterium der Nutzungsintensität wie auch

(2) Zufriedenheit als eine Gesamtevaluation des Erholungsaufenthaltes, für ihre Anwendung im Naturpark als nicht geeignet, da sie weder zentrale Konfliktpotenziale repräsentieren noch durch das Management hinreichend beeinflussbar sind. Die Chancen des Konzeptes liegen daher weniger in seiner technischen Umsetzung als vielmehr in den Ideen, die ihm zugrunde liegen. Lokale Ziel- und Standardformulierungen machen Managemententscheidungen hinsichtlich einer verträglichen Erholungsraumnutzung transparent und erleichtern die Auswahl geeigneter, d.h. aktivitäts- und landschaftsspezifischer, Maßnahmen. Steht der erholungssuchende Mensch im zentralen Managementinteresse, so bietet sich die Möglichkeit, die von ihm wahrgenommenen Störungen zu identifizieren und ihn in die Erholungsplanung einzubinden, um bedarfsgerechte Infrastrukturen auch in Kollaborationen zu entwickeln. Das getestete Konfliktanalysemodell ist hierfür ein geeignetes Instrument. Es liefert valide Ergebnisse, solange homogene Gruppen abgebildet werden können, nicht oder weniger reliable hingegen bei Gruppen, die sich nicht eindeutig kennzeichnen lassen.

Metadaten

TitelKonfliktanalysen als Grundlage für die Entwicklung von umweltgerechten Managementstrategien in Erholungsgebieten 
Stand 2006 
Seitenzahl304 
Förderkennzeichen BWI22007

 

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