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Nachwachsende Rohstoffe in Baden-Württemberg: Identifizierung vorteilhafter Produktlinien zur stofflichen Nutzung unter besonderer Berücksichtigung umweltgerechter Anbauverfahren Bericht

Volltext

Beschreibung

Durch den Anbau nachwachsender Rohstoffe (nawaRo) auf Ackerflächen können Agrarmärkte entlastet und endliche, fossile Rohstoffe geschont werden. Bei geeigneter Gestaltung von Produktion, Verarbeitung, Verwendung und Entsorgung ergeben sich durch ihren Einsatz beachtliche Möglichkeiten, die Landnutzung und die Wirtschaft umweltfreundlicher zu gestalten. Innovations- und Beschäftigungspotenziale können mobilisiert werden. Die Chancen lassen sich jedoch nur realisieren, wenn die Förderung bei nachwachsenden Rohstoffen einher geht mit der Konzeption und Umsetzung umfassender Umweltstrategien. Allgemeingültige Aussagen und Annahmen sind in diesem Zusammenhang wenig hilfreich. Nur eine Einzelfallbetrachtung entlang des gesamten Lebensweges bestimmter Produkte, ausgehend von der landwirtschaftlichen Erzeugung bis hin zur Entsorgung kann über die ökologischen Be- und Entlastungen Auskunft geben, die mit der Substitution von Produkten auf fossiler Rohstoffbasis verbunden sind. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, die Entscheidungsbasis für die weitere Förderung bei nachwachsenden Rohstoffen für stoffliche Verwertung durch belastbare Aussagen zu verbessern. Alternativen werden nach Anbauwürdigkeit, Marktpotenzialen und Wirtschaftlichkeit der Erzeugung, den damit verbundenen Umweltwirkungen und der möglichen Flächenwirkung im Hinblick auf den Erhalt einer flächendeckenden Landwirtschaft einer Analyse und Bewertung unterzogen.

In einem ersten Schritt wurden aus einer Vielzahl von Optionen, und auf der Basis des Sachstandes im Jahr 2000 zunächst die acht nachfolgenden Kulturen mit ihren Produktlinien identifiziert:

  • Hoch-ölsäurereiche Sonnenblumen - technische Schmierstoffe,
  • Faserhanf - Faserverbundstoffe,
  • Faserlein - Dämmstoffe,
  • Winterraps - Hydraulikflüssigkeiten,
  • Winter-Weizen - Biokunststoff für feste Verpackungen,
  • Körnermais - Biokunststoff für Abfalltüten,
  • Miscanthus - Faserverbundstoffe im Spritzguss und
  • Fasernessel - Textile Nutzung.

Mithilfe eines Geographischen Informationssystems (GIS) wurden zu den identifizierten Kulturen digitale Karten erstellt, die in einer ersten Annäherung die Regionen Baden-Württembergs ausweisen, die für den Anbau bestimmter Rohstoffe in Frage kommen. Sie zeigen, dass für alle gewählten Kulturen beträchtliche Gebiete vorhanden sind, die sich für den Anbau eignen. Die identifizierten Produktlinien (z. B. Kunststoffverpackungen auf der Basis von Maisstärke) wurden einer vergleichenden ökobilanziellen Betrachtung mit Produkten auf fossiler Rohstoffbasis unterworfen (in Anlehnung an ISO 14040-43). Verhältnisse der Produktion in Baden-Württemberg, der Verarbeitung in Deutschland und internationaler Märkte für die Betriebs- und Hilfsstoffe wurden dabei angenommen. Neben- oder Kuppelprodukte wurden nach dem Gutschriftsverfahren berücksichtigt. Beim Vergleich der Ökobilanzen von Produkten auf der Basis nachwachsender Rohstoffe mit Produkten auf fossiler Rohstoffbasis treten große Unterschiede auf. Je nach gewähltem Produkt und Substitut weisen die Produkte auf der Basis nachwachsender Rohstoffe aber meist mehr oder minder deutliche Vorteile beim Verbrauch erschöpflicher Energie und beim Treibhauspotenzial auf. Bei den Wirkungskategorien Ozonabbau und Ammoniakemissionen schneiden die Produkte auf der Basis nachwachsender Rohstoffe meist deutlich schlechter ab, was vor allem auf Belastungen durch die Produktion und den Einsatz von Mineraldüngern zurückzuführen ist. Das Bild bei den übrigen Wirkungskategorien ist uneinheitlich. Es konnte gezeigt werden, dass in der vermehrten Nutzung biologischer Stickstoffbindung und über effizientere Düngungs- und Anbausysteme noch erhebliche Potenziale zur Verbesserung der Ökobilanz von Produkten auf biogener Rohstoffbasis gegeben sind. Sie sollten durch gezielte Anstrengungen in Forschung und Beratung genutzt und umgesetzt werden. Beim Vergleich biogener Rohstoffe wies Miscanthus gegen Holzfaser keine Unterschiede auf, Nesselfaser erwies sich gegenüber Baumwolle deutlich umweltfreundlicher. Das verwendete ökobilanzielle Verfahren wurde für die Beurteilung der Umweltwirkungen von Produkten entwickelt, die typischerweise auf der Basis von Erdöl und Mineralerzen in hohen Stückzahlen auf kleiner Fläche erzeugt werden. In diesen Fällen reichen die dabei berücksichtigten Wirkungen meist aus, um den Lebensweg eines Produktes zu bewerten. Stützt sich die Produktion auf biogene Rohstoffe, so hat das zur Folge, dass große Landflächen durch eine Kultur belegt und auch beeinflusst werden. Für eine umfassende Bewertung der Lebenswege und die im Projekt geforderte Berücksichtigung umweltgerechter Anbauverfahren erwies es sich daher als notwendig, zusätzliche Indikatoren zur Qualität der Flächenbeanspruchung zu entwickeln. Sie wurden, analog zum Vorgehen bei der Ökobilanzierung in Anlehnung an ISO 14040-43 in der Weise gestaltet, dass sie reproduzierbar und quantifizierbar in einen standortunabhängigen Ansatz einbezogen werden können. Die Ergebnisse für die Potenziale Nitrataustrag ins Grundwasser, Phosphor-Austrag in Oberflächengewässer, Bodenerosion und Bodenverdichtung wiesen für alle betrachteten Rohstoffe gegenüber den Fruchtfolgen mit Stilllegung große Differenzen auf. Die Indikatoren sind geeignet, in quantitativer Form auf Gefährdungspotenziale hinzuweisen, die mit der Flächennutzung für den Anbau nachwachsender Rohstoffe verbunden sind. Für die Kategorien Landschaftsbild, Artenvielfalt und Bodenleben sind standortunabhängige Bewertungen weit schwieriger möglich, weshalb für diese Kategorien qualitative Indikatoren entwickelt wurden, die nachrichtlich als Informationen in Ökobilanzen mitgeführt werden können. Trotz zum teil deutlicher Unterschiede, die vor allem zugunsten von Lein und Raps ausfielen, sind noch weitere Fallstudien zu diesen Themenbereichen nötig, um fundierte, standortunabhängige Einschätzungen der Wirkungen des Anbaus auf Artenvielfalt und Bodenleben treffen zu können. Die Bewertung der ökonomischen Attraktivität für die landwirtschaftliche Erzeugung konnte sich bei etablierten Kulturen auf belastbare Preise und Kosten stützen, bei Kulturen wie Miscanthus, Nessel und Industriefaserlein waren Berechnungen auf weniger sicherer Datengrundlage nötig. Hoch-ölsäurehaltige Sonnenblumen und mit neuen Vermehrungsverfahren produzierter Miscanthus erwiesen sich bei Betrachtung der Deckungsbeiträge im Rahmen der Fruchtfolge als relativ vorzügliche Kulturen. Sie wurden gefolgt von Körnermais, Weizen, Raps und Hanf. Fasernessel und Industriefaserlein stellen aufgrund hoher Etablierungskosten bzw. niedriger Rohstoffpreise bei den angenommenen Verfahren keine wirtschaftliche Alternative zu gängigen Kulturen dar. Es wird empfohlen den Anbau von HO-Sonnenblumen entlang der ganzen Wertschöpfungskette regional konzentriert zu fördern. Der Anbau von Miscanthus könnte mit den neuen Vermehrungsverfahren und den sich ergebenden Preisspielräumen wieder attraktiv werden, da neue Märkte erschlossen werden können. Fördermaßnahmen sollten in diesem Fall bei der Erschließung neuer Märkte und Verwendungsmöglichkeiten ansetzen. Bei Raps, Stärkemais und Stärkeweizen sind die Chancen für den Einsatz der Kulturen als nachwachsende Rohstoffe am ehesten dadurch zu verbessern, dass die Rahmenbedingungen für den Einsatz umweltfreundlicher, innovativer Produkte, zum Beispiel durch die Honorierung geringerer Entsorgungsprobleme, verbessert werden. Ein vermehrter Anbau der aus ökologischer Sicht sehr wünschenswerten Kulturen Lein und Fasernessel erfordert bei Lein noch Investitionen in die Entwicklung von Verwertungen mit höherer Wertschöpfung. Bei der Fasernessel sollten sich die Anstrengungen auf kosten-günstigere Etablierungsstrategien, die Zucht höherer Fasergehalte und auf die parallel dazu notwendige Optimierung der Techniken für die textile Nutzung konzentrieren.

Metadaten

TitelNachwachsende Rohstoffe in Baden-Württemberg: Identifizierung vorteilhafter Produktlinien zur stofflichen Nutzung unter besonderer Berücksichtigung umweltgerechter Anbauverfahren Bericht 
Stand 2003 
Seitenzahl272 
Förderkennzeichen BWA20002

 

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